Wissenschaft als Teil von Philosophie und Poetik. Thomas Nortons The Ordinall of Alchemy, England, ca. 1477

PD Urs Dürmüller, Institut für Englische Sprachen und Literaturen

Das frühneuenglisch geschriebene The Ordinall of Alchemy, entstanden ca. 1477, publiziert von Elias Ashmole 1652, gibt einen guten Einblick in das Wissenschaftverständnis des Spätmittelalters. In den fünfhundert Jahren, die seit der Niederschrift des Traktats vergangen sind, hat sich vieles enorm verändert. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern ebenso in der Einstellung der Wissenschafter zu ihrer Arbeit und in der Trasmission und Rezeption der Forschungsregebnisse.

Ein Hobbyforscher Als Autor von The Ordinall of Alchemy wird ein Thomas Norton erwähnt, geboren wahrscheinlich 1433, also am Ende des Mittelalters, in der englischen Hafenstadt Bristol, Spross einer vornehmen, wenn auch nicht adeligen Familie. Der Knabe wurde auserwählt, im Haushalt von König Edward IV Squire-Dienste zu versehen, d.h. er erhielt eine Position, die nicht sehr viel Arbeit mit sich brachte, aber einem vielversprechenden jungen Burschen die Möglichkeit gab, sich die höfischen Sitten anzueignen. Wer als Jüngling zum Squire berufen wurde, der durfte später damit rechnen, königlicher Beamter zu werden. Tatsächlcih wurde Norton zum Präfekten von Somerset und zum Steuereinnehmer von Bristol. Seine Heimatstadt vetrat er schliesslich auch im Parlament .Als Gesandter von König Edward IV weilte er an europäischen Höfen und begleitete den König auf dessen Flucht ins Burgund. Norton war also ein Höfling, ein Beamter, Diplomat und Politiker. Doch für uns heute ist dieser Thomas Norton auch mehr: ein Chemiker nämlich, oder doch ein Alchemist. Seine Disziplin war die Alchemie, eine mit naturwissenschaftlichen Erfahrungen durchsetzte symbolhafte Wissenschaft des Mittelalters, aus der sich durch Vermehrung des experimentellen Wissens die heutige Chemie entwickelt haben soll. Sein Studium und später seine (pseudo)wissenschaftlichen Arbeiten betrachtete Norton, wie damals üblich, als Nebenbeschäftigung, eine Art Hobby, sicher nicht als Geldberuf. Dennoch gelang es ihm, für seine Arbeiten Anerkennung zu finden. Kein Wunder, behauptete er doch, das Lebenselixir und die Quintessenz hergestellt zu haben und darüber hinaus viele weitere Geheimnisse der Natur gelüftet zu haben. Doch wer diese Resultate kennen möchte oder gar die Experimente nachvollziehen möchte, der bekommt zu hören, sie seien dem Forscher gestohlen worden, "von sündigen Leuten, zu meinem grossen Schmerz und Weh," wie Norton klagt. Zutode gegrämt hat sich der Alchemist jedoch kaum. Wahrscheinlich, so steht zu vermuten, hat er die Formen für das Lebenselixir ja doch nicht gefunden. Und schliesslich gehörte die Entdeckung, falls es sie denn gegeben haben sollte, nicht ihm, sondern, wie man damals zu sagen pflegte, Gott, dem Allmächtigen.

Vers-Report in Manuskriptform Die mittelalterliche Wissenschaft wurde, anders als die heutige, als Teil der Philosophie und der Poetik begriffen, und da wiederum als Teil des göttlichen Wirkens und Wissens. Interessant für heutige Naturwissenschafter ist deshalb schon das Titelblatt jener Traktatsammlung, in die Elias Ashmole im Jahr 1652 Nortons Essay aufnahm:

Titelblatt Ashmole = 1

Die Sammlung enthält zwar Texte zu dem, was damals als britische Chemie bezeichnet werden konnte, aber sie stammen von Autoren, die nicht etwa als Forscher, Naturwissenschafter oder Chemiker bezeichnet werden, sondern als Philosophen, und deren Arbeiten nicht sachlich als Report oder Forschungsbericht oder noch prosaischer als Paper etikettiert sind, sondern als Produkte der Poesie.

Titelblatt Norton = 2

Nortons Beitrag, The Ordinall of Alchemy, erscheint hier, d.h. im Jahr 1652, zum erstenmal im Druck. Entstanden ist der Traktat wohl um 1477, die älteste Handschrift stammt aus dem Jahr 1480. Das heisst, dass der Text hundersiebzig Jahre lang nur in Manuskriptform verfügbar, also nur sehr wenigen Lesern zugänglich war. Auch dies ist ein Unterschied zwischen damals und heute, den man sich vergegenwärtigen sollte. Norton hatte keinen Computer zur Verfügung, nicht einmal eine Schreibmaschine, um seine Einsichten und Erkenntnisse festzuhalten. Papier war noch sehr rar, zum grössten Teil kostbare Importware. Die erste englische Papiermühle wurde erst 1494, also siebzehn Jahre nach der Niederschrift des Traktats, in Betrieb genommen. Die erste Druckpresse begann in England 1476 zu arbeiten, also gerade ein Jahr vor der Niederschrift des Textes, langsam und umständlich, mit gerade je einem Buch in den ersten zwei Jahren. Nortons Studenten mussten sich also, wenn ihnen schriftliche Informationsquellen überhaupt zugänglich waren, mühsam durch den Dschungel einer mittelalterlichen Handschrift tasten. Als Ashmole Nortons Traktat The Ordinall of Alchemy um 1652 in seine Sammlung Theatrum Chemicum Brittanicum aufnahm, konnte er auf fünfzehn Manuskripte zurückgreifen. Das tönt für heutige Ohren nach wenig, ist dem Kenner des Mittelalters jedoch bereits ein sicheres Indiz für dasAnsehen, welches dem Text damals zukam. Denn anders als heute, da wir alles und jedes in perfekter Druckform zu Papier bringen, nahm man sich im Mittelalter die Mühe, einen Text von Hand zu kopieren und dafür rares und kostbares Schreibwerkzeug zu opfern nur, wenn die Vorlage wirklich als gehaltvoll genug gelten konnte. Entsprechend gab es nur eine beschränkte Anzahl von Texten, die zu studieren waren. Statt Texte auf die allzu raren Schreibmaterialien zu kopieren, lernte man ganze, als wesentlich eingestufte Passagen auswendig. Nortons Ordinall of Alchemy scheint schon seinen Nachfolgern wichtig gewesen zu sein. Das wird nicht nur durch die Existenz mehrerer Manuskripe belegt, sondern ebenso durch die Uebersetzungen des Traktats 1618 ins Lateinische, die damalige europäische Wissenschaftsprache, und 1625 ins Deutsche bestätigt.

Der Autor im Hintergrund Etwas anderes verdient ebenfalls unsere Aufemrksamkeit. Erst Ashmole nämlich rückte den Namen des Verfassers von The Ordinall of Alchemy in den Vordergrund. Das ursprünliche Manuskript dagegen war anonym, denn bis zum Beginn der Renaissance trat der Autor hinter den vom ihm behandelten Gegenstand zurück. Das galt im Mittelalter für die Literatur ebenso wie für die Wissenschaften. Nobel- und andere Preise waren nicht zu gewinnen. Wenn schon, gehörte der Preis ohnenhin Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden. Wenn wir bei The Ordinall of Alchemy dennoch sicher sein können, dass dieses Werk von Thomas Norton entworfen wurde, so deshalb, weil halt auch dem Mittelalter menschliche Eitelkeit nicht ganz unbekannt war. Es gehörte sich zwar nicht, seinen Namen auf der Tielseite gross hinzuschreiben, aber ihn versteckt im Manuskript unterzubringen, daswar möglich und galt als raffiniert. Während De transmutatione metallorum und De lapide philosophorum, zwei weitere Traktate Nortons, dem Autor nur aufgrund von späteren Attestationen zugeschrieben werden können, enthält The Ordinall of Alchemy den Schlüssel zur Autorschaft Nortons in sich selber. Der Autor sagt zwar im Proömium

I desire not worldly fame unknowe shall be my name

aber er nimmt das Spiel mit dem Leser dennoch auf und versteckt Angaben über sich im Manuskript, nämlich - im ersten Wort des Proömiums - in den Erstbuchstaben der sechs folgenden Kapitel - und in den ersten zwei Zeilen des siebten Kapitels. Liest man diese Textstellen genau, entdeckt man nicht nur den Namen des Verfassers, sondern auch dessen Selbstlob. Hier die vier Kapitelanfänge, aus denen sich der Name des Autors ergibt: To – Mais – Nor - Ton

Textstellen mit Silben, aus denen sich der Name des Autors ergibt = 3

Weiter hinten schliesst sich die Herkunftsbezeichnung an.

of Briseto (=Bristol)

Und im siebten Kapitel schliesslich die etwas längere Ergänzung:

A parfet master ye maie him trowe Which knoweth his heates high and lowe

Die angeführten Textausschnitte vermögen auch zu illustrieren, was Ashmole gemeint haben mag, als er diesen Traktat zur Alchemie als poetical piece bezeichnete. Nicht in Prosa, sondern in Versen geschrieben, paarweise reimend, im sogennannten Rime Royal. Gehoben ist die Sprache also, abgehoben vom Alltäglichen, wie auch die Beschäftigung Nortons mit der Alchemie etwas Besonderes war. Nicht vergessen werden sollte der Vorteil, den Verse bieten, wenn es gilt, einen Passus auswendig zu lernen. Wer von uns könnte schon aus dem Papier eines Kollegen ganze Passagen aufsagen? Und, die Frage sei erlaubt, wer wollte das schon?

Englisch nicht Wissenschaftssprache Die von Norton verwendete Sprache ist Englisch, was nicht ganz selbstverständlich ist. Englisch ist zwar heute die Wissenschaftssprache par excellence, im Mittelalter jedoch hatte das Latein diese Stellung inne. Bezeichnenderweise wurde Nortons Text später ins Lateinische übersetzt. Der Grund, weshalb er Englisch schreibt, und nicht Lateinisch, deutet Norton im Proömium und eingehender in der Widmung an.

To the honor of God, One in Persons three, This Boke is made, that Lay-men shulde it see And Clerks alsoe, after my decease

Das Buch wendet sich nicht nur an Clerkes, sondern ebenso an Laymen, denen beiden der rechte, willsagen, gottesfürchtige Weg zur Alchemie gewiesen werden soll. Die Clerkes, das sind die Gebildeten, des Lesens und Schreibens Kundigen, zumeist und ursprünglich ganz, die Angehörigen der Kirche und der Klöster. Heute lebt dasWort weiter nicht nur im Klerus, als den Vertretern der Kirche, sondern auch in den Clerks, welche hinter dem Schreibtisch sitzen oder uns an einem Schalter bedienen. Die Laymen, die Laien, dagegen sind all jene, die mit dem Klerus nichts zu tun haben und auf lateinische Bildung verzichten müssen. Ihre Sprache ist das Englische. Dieses Englisch, wenn es denn als Wissenschaftssprache dienen soll, ist stark mit Fremdwörtern durchsetzt - aus dem Lateinischen entlehnt, entweder direkt oder über das Französische, vergleichbar unserem heutigen Deutschen, welches, wenn es denn als Wissenschaftssprache benutzt wird, voller englischer Fachausdrücke steckt. Schliesslich weist der Textausschnitt auf die Unterordnung des Menschen - auch des naturforschenden Menschen - unter Gott hin. In der ersten Zeile des Proömiums sagt Norton, dass der Traktat geschrieben wurde zur Ehre Gottes. In der Dedication ergänzt er, dass alle Kunst - und dazu zählen auch die wissenschaftlichen Techniken und Methoden - von Gott komme, und jedes Ergebnis der Forschungstätigkeit ein Geschenk des Himmel sei.

Die spätmittelalterliche Chemie Wie man damals arbeitete, zeigen die Bildtafeln in Ashmoles Ausgabe. Uebrigens sollen schon die Manuskripe, zumindest eines davon, welches wahrscheinlich ein Geschenk an den König war, illustriert gewesen sein. Norton selbst gibt die Erklärungen zu den Bildtafeln. Er beschreibt den Ofen, in welchem er sechzig Versuche gleichzeitig und mit verschieden hoher Temperatur durchführen konnte.

Illustration = 4

Rechts finden die Vorversuche auf einem multifunktionellen Ofen statt, der Destillieren, Sublimieren, Fraktionieren und Trocknen erlaubte. In der Mitte wird der "Beschreibungsansatz" durchgeführt.

In einer andern Bildtafel ist festgehalten, wie im Labor nach Anleitung und im Geiste der grossen Lehrer gearbeitet wurde. Unten links ist zu sehen, wie Substanzen zerkleinert werden, halblinks, wie sie in Mörsern gemischt werden, halbrechts, wie der Ansatz vorbereitet wird, und ganz rechts, wie die Arbeit in der Hitze vorbereitet wird.

Illustration = 5

Schliesslich ist die Lehr- und Studienzeit vorbei. Meister und Jünger, Lehrer und Studenten treffen sich nochmals bei der Promotion. Das Buch der Geheimnisse, in dem von der Alchemie, d.h. von den inneren Zusammenhängen der Stoffe, die Rede ist, wechselt den Besitzer. Die besondere Kunst wird auch in der nächsten Generation vetreten sein.

Illustration = 6

Wissenschaft als demütige Kunst

Schlussverse des Ordinalls = 7

Die Alchemie, oder müsste man sagen, die mittelalterliche Chemie? ist zugleich Science und Arte. Wissenschaft und Kunst nicht als Gegenpole, sondern als Wissenschaftsdisziplinen , die zwar handwerkliches Können verlangen, aber dennoch in einen philosophischen Zusammenhang gehören. Noble, "vornehm," dazu, elitär wahrscheinlich, deshalb normalerweise nur über das Lateinische erschliessbar. Hier jedoch wird diese edle Wissenschaft im rohen ungehobelten Englisch vorgeführt. Dies deshalb, weil, wie wir gelesen haben, Norton sich auch an die vielen Laien wendet, die nur des Englischen kundig sind, Laien überdies, die sich aus der Beschäftigung mit der Alchemie schnellen Profit versprechen, dabei aber meist kläglich scheitern. Deshalb appelliert Norton, der Meister, an die Laien

Cease, Laymen, cease, be not in follie ever

Hört auf damit, ihr Laien, ihr findet den Stein der Weisen doch nicht! Dazu fehlt euch die rechte Bildung und die rechte gottesfürchtige Einstellung. Was euch anspornt, ist nicht der Wissensdurst, sondern der Profit.

Lewdnes to leave is better late than never

Von solcher sündigen Gier abzulassen, ist es noch nicht zu spät, eine Ermahnung, die vielleicht auch in unserer Zeit ihre Berechtigung hat. Gottesfürchtig in einem mittelalterlichen Sinne sind die Wissenschafter am Ende dieses Jahrtausends wohl kaum mehr. Doch der Respekt vor der Natur und der gegebenen Ordnung der Welt sollte auch die Arbeit heutiger Wissenschafter leiten. Grenzen zu beachten gilt vielleicht auch für die Forschung im neuen Jahrtausend. Dabei die Sache im Auge zu behalten und nicht den materiellen Gewinn oder die Mehrung des persönlichen Ruhms, das dürfen wir aus diesem 500 Jahre alten Text als Mahnung eines Meisters durchaus über die Jahrtausenschwelle mit uns nehmen.